Wenn deine Mitarbeitenden dir fachlich voraus sind
Wenn deine Mitarbeitenden dir fachlich voraus sind
„Ich bin 32 und plötzlich fühle ich mich alt.“
Diesen Satz sagte ein Klient von mir kürzlich im Coaching. Nicht, weil er sich körperlich älter fühlte. Nicht wegen eines runden Geburtstags. Sondern wegen einer 15-jährigen Praktikantin.
Was zunächst wie eine humorvolle Anekdote klingt, hat eine viel größere Frage aufgeworfen: Wie gehen Führungskräfte damit um, wenn die nächste Generation in einzelnen Bereichen schneller, sicherer oder kompetenter agiert als sie selbst?

Die Praktikantin, die alles schneller verstand
Mein Klient erzählte von einer jungen Praktikantin, die ihn während ihres Einsatzes immer wieder überrascht hatte.
Er gab ihr die Aufgabe, zwei Webseiten miteinander zu vergleichen und Unterschiede sowie Fehler zu identifizieren. Nach einer kurzen Erklärung erwartete er, dass sie einige Zeit dafür benötigen würde.
Stattdessen war sie deutlich früher zurück als gedacht.
Die Aufgabe war erledigt. Vollständig.
Und es blieb nicht bei diesem einen Beispiel. Bei verschiedenen Aufgaben zeigte sich ein ähnliches Muster: Sie verstand sehr rasch, worum es ging, probierte eigenständig aus, recherchierte Lösungen und arbeitete sich intuitiv durch neue Programme und digitale Anwendungen.
Dabei war nicht nur das Ergebnis bemerkenswert. Es war vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich neues Wissen erschloss.
Die nächste Generation steht bereits vor der Tür
Aktuell wird in Unternehmen viel darüber diskutiert, wie Führung und Zusammenarbeit mit der Generation Z gelingen können.
Dabei rückt die nächste Generation bereits nach.
Junge Menschen wachsen heute mit einer enormen Selbstverständlichkeit im Umgang mit digitalen Technologien auf. Informationen sind jederzeit verfügbar. Neue Anwendungen werden nicht erst in Schulungen erklärt, sondern oft einfach ausprobiert. Künstliche Intelligenz, digitale Tools und unterschiedlichste Kommunikationskanäle gehören für viele längst zum Alltag.
Natürlich lässt sich daraus keine allgemeingültige Aussage über eine gesamte Generation ableiten. Nicht jede Jugendliche arbeitet gleich, denkt gleich oder bringt dieselben Kompetenzen mit.
Dennoch zeigt die Situation etwas, das in vielen Unternehmen zunehmend sichtbar wird: Die Wissens- und Erfahrungsvorsprünge zwischen den Generationen verschieben sich.
Führung bedeutet nicht, überall die Beste zu sein
Viele Führungskräfte wurden mit dem Bild sozialisiert, dass sie ihren Mitarbeitenden fachlich voraus sein sollten. Sie müssen Antworten haben. Sie müssen wissen, wie es geht. Sie müssen die Richtung vorgeben.
Doch dieses Verständnis stößt zunehmend an Grenzen.
In einer Arbeitswelt, die sich ständig verändert, wird es immer häufiger vorkommen, dass Mitarbeitende bestimmte Technologien besser beherrschen, neue Entwicklungen früher verstehen oder mit anderen Herangehensweisen schneller zum Ziel kommen.
Das ist kein Problem.
Problematisch wird es erst, wenn Führungskräfte glauben, deshalb alles selbst können zu müssen.
Gute Führung entsteht nicht dadurch, dass man in jedem Bereich die größte Expertin oder der größte Experte ist. Sie entsteht dadurch, die unterschiedlichen Stärken im Team zu erkennen, sinnvoll zu nutzen und Menschen miteinander in Verbindung zu bringen.
Was das im Führungsalltag bedeutet
In der Praxis zeigt sich das immer wieder:
Die junge Mitarbeiterin findet für ein digitales Problem in wenigen Minuten eine Lösung, während andere noch nach Informationen suchen.
Der langjährige Kollege erkennt Risiken, die aufgrund seiner Erfahrung sonst niemand bemerken würde.
Ein neuer Mitarbeitender bringt frische Perspektiven ein und stellt Prozesse infrage, die seit Jahren unverändert laufen.
Führung bedeutet in solchen Situationen nicht, selbst die beste Antwort zu liefern.
Führung bedeutet, den Rahmen zu schaffen, in dem unterschiedliche Kompetenzen wirksam werden können.
Dazu gehört auch die Bereitschaft, von den eigenen Mitarbeitenden zu lernen. Wer neugierig bleibt, Fragen stellt und andere Perspektiven zulässt, verliert nicht an Autorität. Im Gegenteil: Genau dadurch entsteht Vertrauen und eine Kultur des gemeinsamen Lernens.
Die eigentliche Zukunftskompetenz
Die Begegnung zwischen dem 32-jährigen Teamleiter und der 15-jährigen Praktikantin hat etwas deutlich gemacht:
Die Herausforderung der kommenden Jahre wird nicht darin bestehen, mit jeder technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Das wird niemand schaffen.
Die eigentliche Aufgabe von Führungskräften wird sein, unterschiedliche Generationen, Erfahrungen und Fähigkeiten zusammenzubringen.
Erfahrung weiterzugeben und gleichzeitig Neues aufzunehmen. Orientierung zu bieten und dennoch lernbereit zu bleiben. Verantwortung zu übernehmen, ohne darauf zu bestehen, immer alles besser zu wissen.
Denn erfolgreiche Führung wird künftig immer weniger davon abhängen, wer am meisten weiß.
Sondern davon, wer das Wissen unterschiedlicher Menschen am besten miteinander verbindet.
